Auszug aus "Die goldene Glocke"

 

Die Tür ging auf und ein älterer Mann trat ein. Er trug einen orangefarbenen Umhang. Sein Gesicht war ernst aber dennoch freundlich, sein Kopf war ohne Haare. Auf seiner Brust trug er eine Kette mit einem eingefassten Stein, ein großer grüner Stein. In seiner rechten Hand hielt er einen langen Stock, geschmückt von eingeschnitzten Mustern und aus bunten Fäden gefertigten Verzierungen. Die Ausstrahlung des Mannes war stark, das fiel mir als Erstes auf. Ich spürte seine Präsenz in mir. Etwas Vertrautes tauchte in mir auf, doch konnte ich es noch nicht identifizieren. Seine Anwesenheit gab dem Raum eine ganz besondere Stille. Er kam näher zu mir und blickte mich an. Sein Blick war so gütig. Er lächelte und sprach zu mir: „Schön, dass du da bist. Wir haben lange auf dich gewartet. Ich bin Oman Kari Shonan.“

 

Er streckte seine Hand zu mir aus, um mir von der Liege hochzuhelfen. Seine große Hand war warm, weich und kräftig. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich schon wieder so fit war. Ich spürte zwar noch die Wunden, stand dennoch mit Leichtigkeit auf. Neben meiner Liege lag ein Umhang für mich bereit. Ich zog ihn an und wir verließen das Haus. Draußen war es kalt und der Schnee lag hoch; wie ein Kleid hatte er sich über alles gelegt. Ich konnte den Garten mit seinen Figuren und Objekten nur schemenhaft erkennen. Es war seltsam, als er sagte, dass er schon lange auf mich gewartet hatte. Wusste ich doch nicht, was er damit meinte. Aber ich fühlte, dass ich hier richtig war. Vielleicht musste ich mich noch von meinem Sturz erholen.

 

Ich hoffte darauf, dass meine Erinnerungen zurückkommen würden. Wir gingen einige Stufen hinauf. Der Blick war geradezu grandios. Wir waren offensichtlich weit oben in den Bergen. Jetzt erst erblickte ich die gesamte Klosteranlage. Soweit ich es erkennen konnte, waren es sieben Gebäude. Eines davon war in den Felsen eingebaut. Überall waren Treppen, welche die Tempel miteinander verbunden, dazwischen die Gärten. Eine enorme Kraft und Ruhe ging von diesem Ort aus. Ich fühlte mich trotz meiner Unwissenheit sehr wohl. Ich fühlte Heimat. Seltsam, dachte ich, wie viel doch im Verborgenen und Unbewussten liegt. Oman Kari Shonan drehte sich zu mir um und legte seinen Finger auf seine Lippen. „Wir gehen durch die heilige Glocke. Lasse deine Gedanken gehen und lausche dem Klang.“

 

Wir gingen auf einen großen, mit aufwendig verzierten Säulen versehenen Pavillon zu. Inmitten des Pavillons sah ich eine in den Boden geritzte Doppelspirale. Direkt auf der Spirale stellte Oman mich ab und ging zu einer der Säulen. Ich schaute zur Decke und sah die Glocke. Sie war riesig. Ihr Durchmesser muss 2,5 Meter gehabt haben. Oman legte wieder einen Finger auf seinen Mund. Shh... Er begann an der Säule zu drehen und versetzte die Glocke in Bewegung. Sie schaukelte nicht; sie drehte sich. Ihr Klang ergriff mich sofort. Es war, als könnte ich die Luft um mich herum spüren. Sie wurde dicker und dicker. Wie eine Wand um mich herum baute sich der Klang auf, mich ergriff er. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich ganz hineintauchen zu lassen. Alles drehte sich. Selbst die Spirale unter meinen Füßen wirkte so, als würde sie sich drehen.

 

Ich breitete meine Arme ganz automatisch aus. Vor meinen inneren Augen huschen alle möglichen Farben vorbei. Formlos. Es erscheinen einzelne geometrische Muster, welche sich dann zu größeren Mustern verbinden. Der Ton der Glocke ist enorm stark, ich bin ganz und gar von ihm eingehüllt. Plötzlich tauchen Bilder von Männern und Frauen in orangen Gewändern auf. Sie stehen im Kreis versammelt und blicken auf eine Person in der Mitte, die erhöht steht. Ob es ein Mann oder eine Frau ist, ist schwer zu sagen. Sein Gesicht ist sehr weiblich, seine Haare gold. Er macht mit seinen Armen und Händen Bewegungen die an Tai-Chi erinnern, ähnlich wie die von Mechabu, dem Mann aus der Maya Stadt.

 

Es gibt einen Ruck und ich spüre die Bewegungen seiner Arme in mir. Ich fühle seine Leidenschaft und seine Kraft. Plötzlich bin ich nicht mehr ein Beobachter, sondern bin ich die Person in der Mitte des Kreises. Ich spreche zu den Menschen, die um mich stehen, durch meine Bewegungen. Ich empfange Botschaften von der Göttin und gebe sie weiter. Die anderen heben ihre Arme in die Luft, weit geöffnet empfangen sie. „Es ist der Segen, es ist die Hingabe, die uns nährt. Sie, die Göttin, Gott und Göttin, möchten uns alles geben, was wir brauchen. In fernen Zeiten ist dies vergessen, taucht ein dorthin und erinnert sie. Zeigt ihnen, wie sie sich für den Segen öffnen können. Trinkt reichlich von der Quelle.“

 

Meine Bewegungen werden langsamer, meine Arme sinken. Ein goldener Schimmer legt sich wie eine Glocke über alle. Die Energie ist so stark, so schön, so reich. Einer beginnt zu lachen, alle anderen steigen ein. Das Lachen rollt durch das Land, durch Zeiten und Räume bis in die entferntesten Winkel von allem was ist. „Mein Name ist Ashirah, ich bin die Freude der Göttin in alle Ewigkeit hinein.“ In meiner rechten Hand halte ich eine kleine Glocke. Das Vibrieren lässt nach. Ich brenne vor Leidenschaft.

 

„Ashirah, jetzt weißt du es“, hörte ich Oman Kari Shonan sprechen. „Auf dich haben wir gewartet. Komm, ich möchte dich den anderen vorstellen. Sie haben schon so viel von dir gehört.“ Unglaublich, dachte ich, und schaute mit Wunder auf den Pavillon zurück. Unglaublich, was für eine Maschine! Dies würde Od sicher auch gefallen. Wir überquerten eine kleine Brücke, sie führte zum Aufenthaltsort und der Küche des Klosters.

 

Es war Mittag, die Sonne stand hoch. Ich erfreute mich ihrer Wärme. Wir betraten die Vorhalle zum Speisesaal und ich hörte lachende Stimmen. Oman blickte mich an und sagte: „Kuri hat sicher wieder einer seiner Witze erzählt.“ Ich hatte immer das Bild von ruhigen, ernsthaften Mönchen gehabt, doch das, was ich hier hörte, klang nicht danach. Ihr Gelächter war so albern, so herzhaft; ich konnte hören, wie sie sich vor Lachen auf dem Boden rollten. Wir betraten den Raum und es wurde schlagartig still. Nicht aus Angst vor Oman, nein, sie wussten, dass etwas Besonderes geschehen war. Oman nahm mich an der Hand und hob sie hoch. Dabei zeigte sein Gesicht eine Freude, wie ich sie bei ihm noch nicht gesehen hatte. Sie kamen alle schnell näher, ohne dabei den geringsten Lärm zu machen.

 

Ungefähr fünfzig Mönche standen nun ganz nah um uns herum, ihre Augen und Münder staunend geöffnet. Ich fühlte mich wie ein Schneemann in der Sahara; sollte ich jetzt irgendetwas sagen? Mir war die Präsenz von Ashirah noch neu. Was erwarten sie von mir? Ich versuchte es mit einem einfachen „Hallo“, woraufhin sie alle vor Lachen losprusteten. Hatte ich etwas Lustiges gesagt? Ihr Lachen wurde immer stärker. Ich fühlte mich interessanterweise nicht ausgelacht, das war für mich überraschend. Sie lachten eher mit mir, aber ich wusste einfach nicht worüber. Oman blickte zu mir und sagte leise: „Sie warten wirklich schon lange auf dich, du wirst es gleich verstehen.“ Langsam beruhigten sie sich und verneigten sich schließlich vor mir. Ohne dass jemand etwas gesagt hatte, liefen sie alle plötzlich los. Es schien so, als ob jeder wüsste, was zu tun ist. Sie waren auf einmal ganz geschäftig, liefen hin und her; manche verschwanden und holten Dinge. Oman sagte: „Wir treffen sie alle gleich im Tempel Sha Ra Ja wieder. Möchtest du vorher vielleicht eine Kleinigkeit essen?“ „Oh, ja. Gerne.“

 

Auf dem Tisch stand ein großer bronzefarbener Topf. Oman goss mir einen Teller Suppe ein und gab mir ein Fladenbrot dazu. Die Suppe duftete köstlich. Ihre orange Farbe mischte sich schön mit den grünen Kräutern darin. Oman streute noch etwas gerösteten Sesam über meinen Teller. Oh, wie ich diesen Geruch liebte. Auch das Fladenbrot war ganz nach meinem Geschmack; der Teig war mit Rosmarin und Safran gemischt. Oman entschuldigte sich, er müsse noch kurz etwas erledigen, aber er hole mich dann hier wieder ab.

 

So saß und aß ich hier. Der Raum strahlte eine heitere und ruhige Stimmung aus. Einige Mönche huschten noch hin und her. Ich genoss die Suppe und den Fladen, sie waren so schmackhaft. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal so etwas Köstliches gegessen hatte. Das Essen machte mich ganz leicht. Jeder Bissen breitete sich nicht nur in meinem Mund und Bauch aus, der Geschmack und die Energie drangen auch tief in meine Hände und in meine Beine ein.

 

Es überkam mich eine gute Laune. Ich dachte an die Erlebnisse unter der Glocke. Allein schon beim Denken daran spürte ich ein Heimatgefühl. Ich fühlte Kraft und Bestätigung, die Verbundenheit mit meiner Seele und dem damit verbundenen Lebenszweck stimmte mich überglücklich. Ist es doch genau das, was ich mir so sehr auch für andere wünsche, zu wissen, woher sie kommen, ihre eigene Bestimmung zu kennen und zu leben. Bei jedem meiner Gedanken ließ ich die Suppe auf meiner Zunge zergehen und lutschte verträumt an den Sesamsamen.

 

Meine Träumereien wurden durch einen kleinen Vogel unterbrochen. Er saß draußen am Fenster und piepste ganz wunderbar. Sein Gefieder war silbrig weiß mit dunkelblauen Streifen. Ich stand auf und ging langsam zu ihm. Im Mund hatte ich noch ein paar Sesamkörner. Er zeigte gar keine Scheu. Ich öffnete das Fenster und legte ihm die Körner hin. Flink pickte er sie auf. Seine Augen waren wunderschön, kastanienbraune, runde Augen. Er blickte mich an und piepste noch einmal. Der Klang drang in mich ein und ging direkt in mein Herz. Etwas öffnete sich in mir, wie eine Tür. Ich spürte, wie plötzlich Mut in mir aufstieg, Mut, der aus Gewissheit kommt. Gleichzeitig kitzelte es in meinem dritten Auge. Ich fühlte mich bereit für das, was jetzt im Tempel von Sha Ra Ja geschehen sollte. Ich fühlte mich plötzlich imstande zu sprechen.

 

Oman stand in der Tür. Irgendwie leuchtete sein grüner Stein jetzt ganz besonders stark. Auch seine Augen funkelten wie Diamanten. Ich zog meinen Mantel über meine Schultern und folgte ihm. In mir fühlte ich diese ganz neue Kraft durch das Vöglein. Der Weg zu Sha Ra Ja führte über den großen Platz in der Mitte der Tempelanlagen. Wir gingen zügig bestimmt, aber nicht schnell. Jetzt hörte ich wieder das Brummen, den Gesang, der mir so vertraut war. Auch die Schläge der Gongs und Becken waren deutlich zu hören, Tröten-artige Klänge mischten sich dazu. Je näher wir kamen, desto mehr nahm auch die Lautstärke zu. Für ein ungeübtes Ohr wäre dies wahrscheinlich ein Chaos gewesen. Ich mochte diesen Klang, diesen Krach. Er war so ehrlich, so direkt und unverstellt.

 

Jetzt standen wir vor Sha Ra Ja. Sein Eingang ähnelte eher einem Sternentor. Symbole und Zeichen zierten den Torbogen rundherum. Schon sein Anblick verschaffte mir eine Gänsehaut; er war kosmisch und öffnend. Oman betete in tiefer Ehrfurcht beim Hineingehen. Der Innenraum ließ mich wundern, das hatte ich nicht erwartet. Es war ein großer, runder, hell erleuchteter Raum. Von den Wänden hingen bunte Fahnen mit gewebten Mustern. Beträchtlich große Kristalle standen im Kreis, ihre Spitzen reichten bis zu meinem Kopfansatz, einige sogar noch höher. In jeder Ecke standen vier Altäre, darauf große bronzefarbene und goldene Schalen. Die Decke des Tempels bestand aus einer goldenen Kuppel, in der Mitte dieser sah ich eine Öffnung von ungefähr einem Meter. Direkt unter der Öffnung auf dem Boden war eine Spirale aus Marmorsteinchen eingelassen worden.

 

Oman führte mich zu einem leicht erhöhten Platz, ich solle mich hier setzen. Ich setzte mich und plötzlich wurde es ganz still im Tempel. Oman blieb neben mir stehen. Ich schaute um mich. Die Mönche waren wieder da und ihre Blicke waren auf mich gerichtet. Diesmal war es mir nicht unangenehm. Ich wusste zwar nicht, was gleich geschehen wird, fühlte ich aber dennoch eine Richtigkeit in diesem Moment. Viele der Mönche hatten Platz genommen. Sie saßen kreisförmig in einer speziellen Anordnung. Die wenigen Mönche, die noch nicht saßen, versammelten sich stehend um mich herum. Ich fühlte eine Magnetik im Raum. Oman ging in die Mitte des Tempels und stellte sich direkt auf die Spirale. Die Kraft wuchs enorm. Anders als ich gedacht hatte, brauchte ich jetzt nichts zu sagen. Ich spürte, dass ich meinen Platz eingenommen hatte.

 

Auf einmal stand einer der Mönche auf und kam auf mich zu und ich erkannte, dass es eine Frau war. Sie hielt ein Kissen in ihren Händen, worauf eine kleine Glocke stand. Beim Anblick der Glocke fühlte ich ein inneres Aha, das war ein gefühlter Moment der Ewigkeit. Die Frau hielt mir die Glocke hin, ich nahm sie langsam zu mir. Dann ging sie wieder zu ihrem Platz. Oman Kari Shonan hob seinen grünen Kristall in die Luft. Das grüne Leuchten hatte etwas sehr tief heilsames. Aus einem Impuls heraus begann ich, das Glöckchen zu läuten. Ihr Ton war äußerst brillant. Es war eine Mischung aus dem Vogelzwitschern und dem Klang, wenn Sonnenlicht auf einen Kristall fällt. Die Mönche setzten leise mit einem Om ein.

 

 

 

Plötzlich begannen die stehenden Kristalle zu leuchten, dabei gaben sie unglaublich starke, schöne Klänge von sich. Alles brummte in fließendem, immer wilder werdendem Klang. Dann geschah etwas sehr Besonderes: Aus der Öffnung in der Kuppel drang ein breiter Lichtstrahl in den Tempel ein und hüllte Oman Kari Shonan vollständig ein. Sein grüner Kristall leuchtete immer stärker, der Lichtstrahl färbte sich vollständig in das smaragdgrüne Licht. Dieses Licht strahlt in die Welt und darüber hinaus. Es ist das Licht der Liebe und des Friedens mit sich Selbst. Es ist das Licht der erwachsenen Liebe, es fördert die Fähigkeit zu handeln und enthält die Gewissheit, dass alles gut wird.

 

Das Licht wird schwächer, Oman senkt seine Arme. Auch das Glühen der Steine lässt nach. Es ist vollbracht. Die Glocke ist ganz heiß in meiner Hand. Ich lasse sie noch einmal kurz läuten. Ihr Ton unterstützt die Zufriedenheit und hilft allen Anwesenden dabei, wieder anzukommen.

 

Es liegt ein tiefer Frieden im Raum. Oman kommt zu mir und hält mir den Kristall hin. Ich segne ihn. Ich weiß jetzt warum sie auf mich gewartet haben. Die Vollendung ihres Mandalas für die grüne Herzenergie war noch nicht vollständig, es fehlte noch ein Teil. Die Glocke hätte niemand anderes als ich läuten können. So wie ich, so hat jeder seinen Platz mit der dazugehörigen Energie. Ist das Mandala rund und stimmig, gibt es eine Drehung; eine Drehung auf einer höheren Ebene. Meine Gedanken erheben mich zu einer Klarheit, die gewebt ist in vollkommener Schönheit.

 

Ich erkenne Sinn und Form als ein untrennbar ganzes, jeder Augenblick ist ein Teil von etwas Größerem.

 

Om.