In der folgenden Geschichte schildere ich meine ersten Erfahrungen mit "Jo Sho Nan"- dem Hüter der Rhythmen. Sie ist aus meinem Roman "Antori".
In meinen Seminaren besuchten wir schon einige Male meditativ den Hüter der Rhythmen. Die Erfahrungen sind tief und beständig erweiternd. Ich wünsche euch mit dieser Geschichte Inspiration und
Neugier. Yngo Gutmann
Jo Sho Nan - Der Hüter der Rhythmen
Es ist ein goldener Spätsommertag. Die Sonne steht tief und verleiht allem eine ganz besondere Tiefe und Schönheit. In mir entsteht eine ganz besondere Ruhe und Gelassenheit. Auch die Welt scheint ruhiger zu sein. Ich sitze auf einer Parkbank und genieße diesen Moment. In diesem goldenen Licht sehe ich wesentlich schärfer und tiefer. Es kitzelt auf meinem Gesicht. Ich fühle wie die Wärme in mich eindringt.
Ich träume vor mich hin. Der sanfte Wind ist hörbar denn die Blätter liegen auf dem Boden und knistern bei jedem Hauch. Es klingt nach Rhythmus, nach vielen Rhythmen gleichzeitig.
Ich liebe es wenn viele Rhythmen gleichzeitig spielen. Der Takt ist dabei immer ein anderer. Mehrere Rhythmusschichten liegen übereinander. Sie bewegen sich ständig. Drehend, hoch, runter in alle Richtigen, ausdehnend und zusammenziehend. Ähnlich wie das Atmen. Es klingt chaotisch und gleichzeitig empfinde ich es als harmonisch. Ich lasse mich sehr gerne darauf ein. Vor allem dann wenn ich selbst trommle. Es gibt einige Workshops wo wir diese bewegliche Art getrommelt haben. Es gleicht einem Organismus. Alles arbeitet zusammen, komplex und in absoluter Übereinstimmung mit sich selbst.
Ich kenne diese Sounds auch noch woanders her. Ich hörte sie im Garten der Rhythmen. Dies ist ein ganz besonderer Ort, hier wachsen und leben Rhythmen, alle Rhythmen aus diesem Universum. Ich bin schon lange fasziniert von Rhythmen. Sie sind kraftvoll, mystisch und elegant.
Es gibt so viele Rhythmen, vielleicht sogar unendlich viele da sie sich ständig erweitern. Rhythmen wachsen. Ich habe es gesehen. Eines Tages entdeckte ich diesen Garten währende einer Meditation, es war 2000. Ich besuchte spitzen Lebenszeiten um für mein Trommeln einen tieferen und persönlichen Input zu haben. Ich wollte meine eigene Musik spielen, die Rhythmen meiner Trommelschule sollten von mir kommen. Ich mag es einfach nicht fremden Rhythmen und Traditionen zu folgen. Ich suchte also Inspiration und fand diese.
„Maruba“ ist einer dieser Quellen. Es ist eine Lebenszeit von mir im Afrikanischen Kontinent. Durch die Öffnung zu ihm flossen- und fließen mir die Rhythmen nur so zu, ich begann meine ganz eigene Rhythmuswelt zu kreieren. Wie erfüllend das doch ist. Ich nannte meine Trommelschule Anfangs sogar Maruba. Einige Jahre später traf ich den Hüter der Rhythmen auf einer meiner inneren Reisen. Das war ein magischer und mystischer Moment der in die Ewigkeit hinein reicht.
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Ich bin in einer Meditation. Vor mir öffnet sich ein weites Feld, es ist von Sonnenlicht durchflutet. Ich stehe da mitten in dieser Weite, es ist ein traumgleicher Moment.
Der Himmel ist in hellgelbes Orange getaucht. Ich schaue um mich und so weit mein Auge reicht ist hier alles Horizont. Ich setze mich in Bewegung. Es fühlt sich gut an in dieser Weite zu gehen. Plötzlich höre ich etwas, es klingt wie ein klopfendes tickern. Es muss weit weg sein denn es ist sehr leise. Ich folge den Sounds die scheinbar aus den flimmernden Horizonten kommen.
In der Ferne sehe ich etwas flimmern, ähnlich einer Fata Morgana. Ich bewege mich drauf zu. Die Sounds werden lauter. Vor mir offenbart sich ein großes Gelände. Ich kann dem Umfang nicht ausmachen, so groß ist es. Noch von weitem kann ich Skulpturen erkennen. Sie wirken riesig. Ich erblicke immer mehr von ihnen um so näher ich komme. Wow, wo bin ich?
Die Skulpturen bewegen sich. Dabei geben sie rhythmische Sounds von sich. Ich fühle mich verzaubert von dieser graziösen Schönheit, von hier kam also dieses Tickern. Ich höre immer mehr Rhythmen.
Das Gelände ist von einem Zaun umgeben, er ist nur hüfthoch aber ich steige da nicht drüber. Es wird irgendwo ein Tor geben. Ich gehe weiter. Ich sehe immer mehr Skulpturen in allen Größen. Die kleineren haben Rhythmen die ich gut nachvollziehen kann. Einige von ihnen sind ganz winzig, sie wirken sehr zart. Die größeren Skulpturen sind komplexer. Sie bestehen aus vielerlei Elementen wie Symbolen, farbigen Platten und Kugeln, und anderen geometrischen Formen. Alle Skulpturen bewegen sich. Sie schweben irgendwie. Die Anmut der Skulpturen ist atemberaubend. Die Rhythmen bei den größeren Skulpturen sind so komplex, dass ich sie kaum noch erfassen kann, aber ihre Sound sind fantastisch.
Was ist das nur, wo bin ich? So weit mein Auge reicht sehe ich diese sich bewegenden und klingenden Skulpturen. Ich fühle mich restlos fasziniert.
Dort vorne sehe ich ein Tor, meine Neugierde lässt mich schneller laufen. Ob ich hier wohl jemanden treffen werde, und wen? Das Tor hat zu meiner Überraschung keine Tür, hier hängt nur ein Glöckchen. Ich läute. Ihr Ton ist hell und unverkennbar anders als die Sounds der Skulpturen. Ich läute nur einmal und warte ab.
Mitten zwischen den Skulpturen sehe ich etwas sich bewegen, eine Figur. Ich kann zuerst nur Umrisse erkennen. Mir wird klar, dass sie sehr weit weg sein muss und wie groß dieses Gelände in die Tiefe reicht. Ich fühle eine Aufregung in mir. Die Umrisse der Figur formen sich allmählich zu einer menschlichen Gestalt. Es ist ein älterer Mann mit einem silbrig weißen Bart. Er trägt einen Umhang. Er ist ebenso Silber mit feinen Stickereien in Magenta und blauen Fäden. Sein Gesicht überrascht mich denn es strahlt trotz seines Bartes jugendlich und rosig. Er hat hohe ausgeprägte Wangenknochen, welche seine Augen wie Juwelen tragen. Sein Blick ist überaus freundlich und lächelnd.
Ich hätte wohl ewig hinein geschaut wenn mich ein „Hallo“ nicht geweckt hätte. Es drang zu meinen Ohren als währe es rückwärts aus der Zeit in die Gegenwart gekommen. Ich schaute in sein beindruckend starkes Gesicht. Hallo stotterte ich zurück. Ich hörte immer noch das ankommen seines Hallo´s, dann fasste ich mich und stellte mich vor. Im gleichen Atemzug fragte ich „wo ich hier bin und wer bist du?“. Ich bin Jo Sho Nan, ich hüte die Rhythmen. Du bist hier im Garten der Rhythmen. Aber komme doch erstmal rein.
„Jo Sho Nan“ dachte ich, das klingt irgendwie vertraut. Ich ging durch's Tor. Plötzlich hörte ich noch mehr Rhythmen und diese auch noch mehrschichtiger.
Ich bin überwältigt von diesem Ort, diese Skulpturen sind so schön. Sie strahlen Würde und Integrität aus. Ja sagte Jo Sho Nan, als hätte er meine Gedanken gehört, sie sind wahrlich integer. Komm lass uns etwas durch den Garten gehen, ich will dir einiges zeigen und näher erklären.
Ich bin der Hüter der Rhythmen. Meine Aufgabe ist es, dass alle Rhythmen ihren Purpose halten. Es gibt unendlich viele Rhythmen. Nur einige von ihnen sind musikalischer Natur. Da sind auch die Rhythmen der Natur z.B. der Sonnenlauf, Ebbe und Flut, die Jahreszeiten. Dann die Rhythmen im menschlichen Körper, Herz, Lunge, die Moleküle und Atome. Ja alles aus der Welt der Erde besteht aus rhythmischen Vorgängen, und ich hüte diese Rhythmen. Ich bin mit der Göttin direkt verbunden und mit den Träumern und Visionären und den Realitäts- Schaffenden. Rhythmen wachsen und verändern sich und ich kümmere mich darum. Verstehst du? Ja das verstehe ich sogar gut. Die komplexeren Skulpturen beinhalten ganze Systeme deiner Erde und auch die von anderen Welten. Es entstehen ständig neue Skulpturen, so wie alles sich ständig erweitert.
Ich konnte nur noch staunen. Wow. Wir kamen an eine Bank und setzten uns. Das tat gut. Eine Zeit lang schwiegen wir. Ich brauchte diesen Moment um alles wirken zu lassen. Nach einer Weile bat mich Jo Sho Nan etwas von mir zu erzählen. Ich freute mich darüber, es tat gut. Ich sprach über mein Interesse an Rhythmen. Was sind sie und wer sind sie? Was ist ihre Funktion? Warum gibt es Rhythmen überhaupt? Was ist wenn es kein Rhythmus gibt? So viele Fragen die mich beschäftigten. Er hörte sehr aufmerksam zu. Meine Fragen sollten nicht unbeantwortet bleiben.
Rhythmen, Rhythmen begann er langsam zu sprechen, Rhythmen sind Bewahrer. Es sind Strukturen in die Informationen, ja komplexe Systeme aufgenommen werden können. Sieh z.B. der Rhythmus der Jahreszeiten. Dies ist ein komplexes Rhythmussystem mit vielen Teilaspekten. Es ist eine Synergie. Viele kleine Inhalte vereinen sich zu einem großen System welches mehr ist als jedes seiner Einzelteile. Ich wußte wovon Jo Sho Nan sprach, es leuchtete mir ein. Weiter fuhr er fort. Rhythmen sind absolut sicher. Sie sind immer in ihrem Purpose. Darin ähneln sie Kristallen. Rhythmen sind zuverlässig. Gleichzeitig sind sie beweglich und flexibel. Sie sind in der Lage ihr System und ihre Inhalte zu erweitern. Das geschieht ständig. So wie das Leben ein ständig sich erweiternder Prozess ist. Ich erhalte die Informationen und füge sie in die Rhythmen ein.
Ich schaute um mich und bewunderte all die Skulpturen. Ich konnte kein Ende sehen. Der Garten schien unendlich groß. Wie schaffst du das alles, musste ich ihn einfach fragen. Ich höre die Informationen und erschaffe in dem Hörvorgang. Ich arbeite nicht direkt mit meinen Händen. Dann wenn ich das Bild und den Klang vollkommen in mir habe, dann lasse ich es los und es geschieht. Ich bin mit jedem Rhythmus, mit jeder Skulptur verbunden. Ich höre sie gleichzeitig. Er schaute mich an und lächelte und sagte, dies ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Es geht weit über ihn und die 3 Dimensionen hinaus. Lausche dem Sound.
Das konnte ich gut nachvollziehen. Ich fühlte es in mir. Also lauschte ich den rhythmischen Klängen. Ich öffnete mein Hören ganz weit und tief. Immer mehr Rhythmen konnte ich gleichzeitig hören. Es war ein rauschendes chaotisches Prickeln, tickel tackel, sich ständig verändernd. So weit hatte ich noch nie zuvor gehört. Ich empfand dieses Chaos als äußerst angenehm. Ich glaubte bis tief in den Kosmos hinein zu hören, Wellen voller Rhythmen überlappten sich.
Atmen nicht vergessen flüsterte Jo Sho Nan mir leise zu, Atmen. Ich holte tief Luft und atmete lang und ruhig aus. In mir breitete sich eine unglaublich schöne Ruhe aus, mein hören begann plötzlich sehend zu werden. Ich hörte und sah alle Rhythmen, ihre Wellen und ihre Ausbreitung, wunderschöne Farbspiele die sich synchron zu den Rhythmen bewegten, auftauchende Symbole und Formen die sich mit weiteren Formen und Farben abwechselten. Ein Tanz sagte ich laut, ein Jubel. Alle Worte und Gedanken flossen in den Sound. Es ist dieser Moment der Ewigkeit. Ich genoss ihn mit allen Sinnen.
Allmählich kam ich wieder zu mir. Ich sah, dass Jo Sho Nan ebenso sichtlich ergriffen war. Er atmete mit einen befriedigendem Laut aus. Ich schwieg noch einen Moment. Ich fühlte große Dankbarkeit für diese Erfahrung und Einsicht.
Ich werde jetzt gehen. Kann ich ja kannst du, unterbrach er meine Frage lächelnd du bist immer willkommen. Wir umarmten uns, dabei klopfte er mir mit so einer bestimmten Art auf die Schulter.
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Inzwischen habe ich Jo Sho Nan öfter besucht. Ich nahm auch schon Teilnehmer meiner Workshops mit zu ihm. Es war jedes Mal ein wundersames und befruchtendes Erlebnis. Wir haben uns neue Rhythmen geben lassen. Wenn ich einen dieser Rhythmen spiele, fühle ich mich besonders wohl und fühle eine einzigartige Kraft. Die Resonanz mit Jo Sho Nan und seinem Garten ist stark.
Ich denke nach wie vor viel über Rhythmen nach, erforsche ihre Kraft und ihre Möglichkeiten. Mich interessiert auch der Zusammenhang zwischen Chaos und Rhythmus. Ich mag die Bewegung zwischen den beiden. Dabei unterscheide ich zwischen einem rhythmischen Chaos und dem Ur-Chaos. Ich mag beides. Das rhythmische Chaos ähnelt dem Sound den ich im Garten der Rhythmen hörte. Viele abertausende Rhythmen gleichzeitig die, wenn man sich entspannt und die Ohren ganz weit öffnet, eher einen Soundteppich ergeben, ähnlich wie Regentropfen.
Beim rhythmischen Chaos gibt es also eine Form. Beim Ur-Chaos gibt es keine Form. Es lässt sich schwer beschreiben, denn es ist der Stoff aus dem „alles was ist“ geformt ist. Ich finde es äußerst spannend sich aus dem Chaos in einen Rhythmus zu bewegen, und dann wieder zurück. Ich gab schon Workshops „Rhythm and Chaos“, in denen wir genau das getan haben, mehrmals hin und her von Chaos zu Rhythmus. Das ist enorm heilsam und erneuernd. Eines Tages will ich solche Konzerte geben. Davon träume ich schon seit vielen Jahren. Ich taste und trommle mich heran.